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Große Karpfen unter Zeitmangel

William Borosch

Gezieltes Angeln auf Großkarpfen ist trotz modernster Technik und ausgefallensten Ködern immer noch schwer möglich. Mit gezieltem Angeln auf große Karpfen meine ich nicht sich ein halbes Jahr durch eine große Menge kleinerer Karpfen durchzuangeln, bis mal ein größerer am Haken hängt. Vielmehr ist ein geplantes Vorgehen gemeint, bei dem das zu erwartende Ergebnis eintritt. Dass dies möglich ist und dazu auch noch für Angler mit wenig Zeit, das versuche ich in diesem Artikel zu erklären.

Große Fische in kurzer Zeit, das ist das Ziel

Schießen im Dunkeln

Vor einigen Jahren, war ich wie wahrscheinlich die meisten Karpfenangler heute noch, mit Partikel, Boilies, Pellets unterwegs. Vorfüttern, auf die Theorie der Futterpyramide hoffen und versuchen viel Zeit am Wasser zu verbringen, das war meist die Vorgehensweise. Große Karpfen fangen, ja dazu braucht man viel Zeit am Wasser und viel Futter...

Das klappte auch, ab und zu, wenn auch nicht gezielt und nur mit großem Zeitaufwand. Aber irgendwie war viel dem Glück und dem Zufall überlassen, wann denn ein größerer Karpfen dranhängt. Es war wie im Dunkeln auf Enten schießen. Man weiß nicht ob und was man trifft.

Schießen im Dunkeln: Man weiß nie was man trifft

Reset durch Keen Carp

Es kam der Tag, da las ich einen Artikel in einer Karpfenzeitschrift von einem Holländer namens Hub Genders. Da standen Dinge, die einen wunden Punkt eines jeden Karpfenanglers trafen. Wie wenig vorbereitet wir doch sind, wie abgestumpft durch die Medien und Tacklewahn. Das ging sogar so weit, dass er uns Karpfenanglern vorwarf, uns nicht genug zu bemühen und nicht genügend zu wissen. Deshalb könnten wir nur einen statt fünf Karpfen in einer Nacht fangen. Ja ok, wer bleibt schon nachts wach und beobachtet lauschend das Wasser, um Bewegungen der Karpfen auszumachen. Bei der Platzwahl wurde auch nicht genau auf die mögliche Wasserbewegung durch Wind und Strömung geachtet, um so die Richtung der austretenden Stoffe unseres Futters und damit das Anlocken der Fische aus einer bestimmten Richtung zu beeinflussen. Alles viel zu kompliziert... Oder ist da was dran? Soll ich lieber doch das nächste Mal hinter dem Plateau füttern (zum Freiwasser hin), als stupide immer vorne dran an der Kante?

20% der Karpfenangler fangen 80% der großen Fische

So ging es dann weiter und viele Fragen plagten mich. Und es wurden immer mehr. Ich verfolgte diesen Hub Genders und stieß auf Keen Carp. Ich blieb dran, da das Konzept völlig anders war als das der anderen Boiliehersteller auf dem Markt. Dann bekam ich die Gelegenheit István Orbán bei einem Treffen persönlich kennenzulernen. Wie jetzt ein Holländer und ein Ungar? Was ist das denn für eine Kombination? Käse und Gulasch? Oje, ob dieser István aus dem Ostblock überhaupt modernes Karpfenangeln kennt? Na ja, mal schauen was beim Treffen herauskommt, schließlich möchte ich ja mit meinem Angeln weiterkommen.

Das erste Treffen mit István zeigte mir schnell, dass er ein sehr direkter und ehrlicher Mensch ist. Er sagte mir unbequeme Dinge direkt ins Gesicht. Er sprach darüber, was alles falsch läuft und dass ich nicht so viel aus den Medien übernehmen sollte ohne es zu filtern oder genauer zu hinterfragen. Das tat er nicht um mich schlecht darzustellen, sondern um mir meine Fehler zu zeigen, an denen ich dann arbeiten kann. Viele missversehen das und fühlen sich angegriffen. Wenn man aber ein bisschen darüber nachdenkt, ist es eine große Hilfe kritisiert zu werden. Man kann sich dadurch verbessern, indem man an den genannten Kritikpunkten arbeitet. Kurzum, mir platzte der Schädel. Wie meinte er das alles und warum ist das Tackle nicht ok und mein Futter auch nicht...?

Kurze Zeit danach besuchte ich einen Workshop bei Hub Genders in Holland und das brachte mir ein vollsändiges "Reset". Alles was man in zwanzig Jahren Karpfenangeln gehört und gelernt hatte, musste nun-erstmal im Gehirn parken oder am besten gleich löschen und neu anfangen. Das war hart, aber notwendig.

Für mich der Schlüssel zu mehr Erfolg

Die ersten Versuche

Wie die meisten, die bereits seit Jahren auf Karpfen angeln, war mir das Selektieren der größeren Karpfen am wichtigsten. Mit dem neu erworbenen Wissen und großer Skepsis stand ich am Wasser. Kann das wirklich funktionieren? Ich bin jetzt eine halbe Stunde zum See gefahren, um zwei Hand voll Boilies zu versenken und das war’s? Keine Partikel oder Pellets zum Anlocken? Diese Prozedur wiederholte ich zähneknirschend und fluchend noch zwei Mal, ehe es ans Angeln ging.

Die Uhr zeigt halb sechs, ich verlasse das Büro und fahre zum See. Ich habe nur diese eine Nacht. Danach geht es morgens wieder ins Büro. Ich stelle mich auf einen Blank ein. Das bisschen Futter haben die Brassen längst weggefressen. Am nächsten Morgen stehe ich grinsend an der Kaffeemaschine im Büro. Die Nacht brachte einen Spiegler über zwanzig Kilo. Irgendwie unglaublich. Kann das so einfach sein? Voll motiviert fuhr ich in der nächsten Woche zum Füttern. Wenn ich die Taktik etwas anpasse und den Platz mit mehr und auch attraktiveren Boilies befüttere, bekomme ich vielleicht auch mehr als nur einen dicken Fisch, dachte ich. So ballerte ich in drei Tagen ca 15kg Boilies in den See. Das Ergebnis des anschließenden Angelns waren fünf Karpfen, wovon der größte nur 12kg wog.
Mein Fazit: Entweder es gibt noch viel zu lernen oder der Dicke aus der ersten Session war nur Zufall.

Der erste 20+ mit der neuen Taktik

Reagieren können

Aufgrund meiner Einstellung zum Karpfenangeln (oder warum auch immer), wurde ich Teammitglied bei Keen Carp und bekam so die Möglichkeit mehr zu lernen und zu hinterfragen. Ich besuchte mehrere Workshops und war auch ein paar Mal mit dem Teamleiter István am Wasser (was nicht immer lustig war). Ich begann die Zusammenhänge, Abhängigkeiten und Komplexität ein bisschen besser zu verstehen und wurde schließlich Berater für den Bait Service.

Heute weiß ich ganz genau, warum in meiner oben erwähnten zweiten Session keine großen Karpfen angebissen haben. Kurz zusammengefasst: Mehr vom falschen Futter brachte mehr Fische und damit auch die kleineren Karpfen an den Platz. Diese waren schneller und deren Fang störte den Platz (Auflösung gibt es in unserem Workshop).

Die von Hub Genders und István Orbán entwickelte Taktik zum Selektieren von großen Karpfen funktioniert nur, wenn man sich an die Angaben hält. Die kleinste Veränderung in Futtermenge, Futtertaktik, Platz oder sonstiges, kann über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Mehr Bisse, aber kleinere Fische

Es wäre zwar schön und einfach eine Taktik zu entwickeln, die immer nach dem gleichen Schema funktioniert. Dies ist aber nicht möglich. Die Gewässer, Jahreszeiten, Angler sind zu verschieden und eine  Taktik ist eben kein Kochrezept, das man einfach von oben nach unten durchgehen kann. Ein aktuelles Beispiel habe ich hier: Futtermengentuning . Er hat die Taktik 500 g täglich auf einem engen Spot zu füttern und drei Tage nicht zu Fischen eingehalten. Dennoch fing er immer noch kleinere 10 kg Karpfen. Auf solche Umstände muss man reagieren können. Die Reduktion der Futtermenge auf 200 g pro Platz brachte dann anschließend doch noch den Fisch über 20 kg. Es gibt jedoch auch Situationen und Gewässer, da hätte man die Futtermenge bis auf einige Kilos erhöhen müssen. Man muss eben wissen, wie man in der gegebenen Situation zu reagieren hat und warum. Genau das möchten wir unseren Workshop Teilnehmer beibringen. Sie sollen wissen wann sie was machen sollen und warum.

Kein Kochbuch, bei dem man die Schritte festhalten kann

Ergebnisse

Ich bin kein großer Freund der Selbstdarstellung (das sollten andere für einen machen), aber manchmal ist ein bisschen was nötig, um Euch Lesern auch Ergebnisse zu präsentieren. Ich wähle ein aktuelles Beispiel. Vor einigen Wochen habe ich erneut den größten Fisch des Sees aus einem meiner Hausgewässer gefangen. Nachdem ich den Spiegler letztes Jahr an meinem 2. Angeltag an diesem Gewässer gefangen hatte (und es war bereits Ende August), konnte ich ihn dieses Jahr mit der gleichen Taktik und mit 600 g mehr auf den Rippen, nämlich 29,8 kg erneut fangen. Hierfür war ich vier Nächte am Gewässer (nicht am Stück) und wir haben bereits September. Macht also ungefähr eine Nacht in zwei Monaten. Die Vorbereitung, also passende Location/Taktik und das passende Futter ist wichtiger als tagelang am Gewässer zu sitzen und zu warten.

Die Seekönigin 2016 und 2017

Die Voraussetzungen

Welche Voraussetzungen sind nun wichtig, um auch mit begrenzter Angelzeit selektiv auf große Fische angeln zu können?
Die Möglichkeit Anfüttern zu können ist Grundvoraussetzung. War ja klar, dass so etwas von einem Boilie Hersteller kommt, höre ich jetzt einige sagen. Moment, wir sprechen hier von 500 g pro Tag und manchmal weniger. Und das evtl. nur ein paar Tage bis zum ersten Erfolg, nicht wochenlang. Um wirklich zu verstehen warum wir Vorfüttern müssen, um eine bestimmte Situation unter Wasser zu erzeugen, benötigt man einen Workshop. Man muss also, die Möglichkeit haben einen Angelplatz mindestens drei Tage lang zu befüttern. Die wirklich genaue Menge hängt von Jahreszeit und Fischbestand ab. Dazu gibt es den Bait Service, den man anrufen kann. Den sollte man sowieso für die zweite Voraussetzung des selektiven Karpfenangelns anrufen: dem richtigen Boilie. Diesen gibt es nämlich nicht von der Stange, dieser wird extra angefertigt. Der passende Mix, passender Härtegrad, die Größe sowie Geschmack und Aroma variieren. Ich sage Boilie, da nichts anderes gefüttert werden darf. Auch nicht während des Angelns. Wir konditionieren ja den Fisch auf dieses Futter, also bloß keine PopUps, Plastik oder sonstiges.

Füttern mit Verstand und nicht mit dem Eimer

Wir haben jetzt eine Futtertaktik, einen Köder, jetzt fehlt noch der richtige Platz. Hier können wir wenig helfen, da wir nicht vor Ort sind. Meine Empfehlung ist zu Beginn immer dort zu angeln, wo man schon einmal einen Karpfen gefangen hat. Es sollte ein Platz sein, der nicht in der Nähe anderer Futterplätze ist. Der Platz braucht Ruhe und Futter.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt und man hält sich an den mit Keen Carp besprochenen Plan, wird der Fang großer Karpfen planbar. Natürlich klappt es nicht immer beim ersten Mal. Aber besser zwei oder drei Mal keinen Fisch und anschließend einen Zielfisch fangen, als das ganze Jahr erfolglos zu angeln und auf Glück und Hoffnung zu vertrauen.

Platzwahl wie immer das Wichtigste

Die Realität

Tatsächlich sieht die Wirklichkeit anders aus. Viele wissen nicht, dass sie sind noch nicht dazu bereit sind eine solche Taktik anzuwenden und selektiv zu angeln. Man sollte genug von kleineren Karpfen haben. Erst wenn man nicht jeden 10kg Karpfen fotografieren möchte, weil man davon schon hunderte Fotos daheim hat, ist man soweit. Viele unterschätzen das, aber es ist eine mentale Herausforderung, nach zwei Nächten ohne Biss, nicht doch Pellets zu füttern oder einen gedippten Hakenköder zu nehmen. Man muss sich eben vorher entscheiden was man möchte. Viele Karpfen fangen und hoffen, dass zwischen vielen kleinen auch der große mit dabei ist oder wenig Anbisse, dafür aber große Fische. Man kann eben nicht mit einem Hintern auf zwei Pferden gleichzeitig reiten!

Erfolg beruht auf den richtigen Entscheidungen

Im Laufe der Zeit ist mir durch die vielen Kundengespräche aufgefallen, dass viele den Fischbestand ihres zu beangelnden Gewässers nicht kennen. Da wurde mir einmal gesagt, dass es nur wenig Brassen und kleine Karpfen im Gewässer gibt. Also empfahl ich einen etwas attraktiveren Boilie zum Fischen. Ein paar Wochen später bekomme ich einen verärgerten Anruf mit der Begründung, er habe lauter Brassen auf Keen Carp Boilies gefangen. Wie ist das möglich, dass es bei dem einen so gut klappt und bei dem anderen nicht? Der besagte Angler, wusste gar nicht was für einen hohen Bestand an großen Brassen sein Gewässer beherbergt. Das zeigt, wie unattraktiv die Köder waren, mit denen er bisher geangelt hat. Wir können nichts anderes machen, als uns auf die Informationen dier Angler zu verlassen. Wenn ein Kunde uns sagt, es gibt zehn Fische über zwanzig Kilo in seinem Gewässer und in Wirklichkeit ist es nur einer, dann sollte er sich nicht wundern, wenn er auch mit der selektiven Taktik keinen oder nur einen einzigen zwanzig Kilo Fisch fängt.

Ohne Gewässerkenntnis, wählt man die falsche Taktik

Resumé

Heutzutage gilt das Motto "Zeit ist Geld" mehr denn je. Wir stehen alle unter Zeitdruck, sei es durch den Job, die Familie oder den gesellschaftlichen Verpflichtungen. Mit diesem Artikel wollte ich einen kleinen Einblick geben, wie man auch mit begrenzter Zeit ans Ziel kommen kann. Die richtige Location mit dem abgestimmten Futter und es reicht eine Nacht um sein Traumfisch zu fangen. Die Rückblende zu Beginn des Artikels habe ich deshalb gewählt, um euch Lesern zu zeigen, dass es auch für mich zu Beginn unglaublich war und ich mir das einfach nicht vorstellen konnte, was Keen Carp mir da alles erzählte. Es funktioniert, da es nicht auf Erfahrungen von Anglern aufgebaut ist, sondern auf wissenschaftlichen Fakten. Es stehen messbare Größen dahinter, wie bei einer mathematischen Formel. Die Grundsätze sind keine Erfindungen, sondern Fakten. Ein Karpfen muss das Futter nicht einsaugen um es zu schmecken, egal ob es ein Karpfen in Asien, Europa oder Amerika ist, das ist Fakt. Aber da habe ich villeicht schon zu viel verraten. István empfiehlt immer einen Helm mitzubringen, wenn ihr uns besucht…

Fakten als Basis, denn Erfahrungen sind zu unterschiedlich

Wünsche Euch nur die Dicken!

 

William

 



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