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Wenn du weißt, was du tun musst

Martin Plettner

Wenn wir uns grundsätzlich mal überlegen, was ein Karpfenangler braucht um erfolgreich zu sein, fallen mir immer gleich drei Faktoren ein. Dazu gehört neben der Motivation und den notwendigen Mitteln vor allem Zeit. Und ausreichend Zeit ist das, was wir leider am wenigsten besitzen.

Mir ging es in meinem letzten Heimaturlaub mit meiner Freundin nicht anders. Es stand mal wieder vieles auf dem Programm und man wollte seine Liebsten treffen, die man in Hamburg nicht ständig um sich haben kann. Aber um richtig abschalten zu können, gehört für mich auch eine schöne Zeit am Wasser einfach dazu. Wir mussten also einen Kompromissfinden, mit dem wir beide glücklich waren.

Deshalb plante ich eine schnelle Session an einem meiner liebsten Naturseen in Mecklenburg. Der Plan war, tagsüber unterwegs zu sein und abends an den See zu fahren, um dort bis in die Morgenstunden die beste Phase abzupassen. Für mein Vorhaben wählte ich eine Stelle aus, an die sich normalerweise kaum ein Karpfenangler verirren würde, denn sie war für Jedermann gut zugänglich. Normalerweise meide ich solche Plätze und möchte viel mehr die Ruhe am Wasser genießen. Doch diesmal war so ein Platz für mich Grundvoraussetzung, es musste ja alles schnell gehen und wir wollten so wenig Aufwand wie möglich, denn es war schließlich unser gemeinsamer Sommerurlaub.

Bereits am Freitag, nachdem wir spät abends aus Hamburg angereist waren, fuhr ich direkt weiter zum See und fütterte gleich noch drei Plätze an. Ich wollte meine Ruten in drei verschiedenen Tiefen ablegen und fütterte jeden Platz mit circa 500 g Big Water Mix-Boilies mit Spanish Red in 24mm an. Diese Prozedur wiederholte ich am nächsten Tag noch einmal, denn am darauffolgenden Tag sollte es gleich zum Fischen gehen.

Alles schien perfekt vorbereitet zu sein, bis mir auffiel, dass ich meinen Kescherstab in Hamburg vergessen hatte. Wie sollte ich denn bloß die Fische sicher ohne Kescher landen? Kurzzeitig dachte ich darüber nach lieberbesser, doch nicht angeln zu gehen. Doch meine Motivation war zu groß um alles einfach hinzuwerfen. Also musste eine Lösung her, die auch recht schnell gefunden war. Im Endeffekt schaffte mir ein einfaches Kantholz Abhilfe, welches ich mit zwei Löchern versah und so, in die Kescherarme stecken konnte. Der Kescher gewann zwar keinen Schönheitspreis, aber ich konnte damit fischen gehen.

Zum Glück fahre ich einen geräumigen Kombi, den wir im Nu zu einem Bett mit einem Dach überm Kopf umfunktionieren konnten.

Über die Gemütlichkeit lässt sich streiten, doch für uns standen Funktionalität und Flexibilität im Vordergrund. Auch das Schlauchboot war schon einsatzbereit und musste nur noch vom Trailer zum Wasser getragen werden. Das verschaffte uns weitere wertvolle Zeit.

Nun war alles vorbereitet und nachdem wir Sonntagabend noch lecker mit meinen Eltern gegrillt hatten, brachen auf wir zum See. Obwohl das Problem mit dem Kescher meinen Zeitplan etwas durcheinander brachte, wurde ich trotzdem noch vor dem Dunkelwerden fertig. Es dauerte eine gute Stunde, bis alle Ruten auf den Plätzen lagen und wir den Sonnenuntergang genießen konnten.

Als Hookbait verwendete ich die gleichen Boilies mit denen ich zuvor bereits angefüttert hatte. Zusätzlich beköderte ich noch überall einen grünen Pop Up Dumbell. Mein Ziel war es damit das Hakengewicht aufzuheben.

Da ich in meinem Gewässer mit Brassen rechnen musste, tauchte ich vor dem Ablegen der Rute noch zusätzlich den Hookbait in den Spanish Red Dip ein, um mir die Plagegeister vom Leib zu halten. Dank dieses extrem scharfen Dips hatte ich nicht einen einzigen Brassen in den folgenden drei Nächten am Haken. Aber komplett stumm blieben meine Bissanzeigen zum Glück auch nicht… Gleich in den ersten Abendstunden ertönte die Funkbox und ich sprintete zur Rute. Der Fisch flüchtete sofort ins Schilf und ich eilte mit dem Boot hinterher. Leider fehlte der Kescherstab, sonst hätte ich wahrscheinlich den mindestens 15 kg schweren Spiegler schnell landen können. Doch stattdessen fummelte ich so lange mit dem Karpfen im Schilf herum, bis der Haken ausschlitzte. Ich habe ihn einfach nicht in das Netz bekommen und somit war die Enttäuschung riesig. Doch in den frühen Morgenstunden bekam ich schon meine zweite Chance. Dieses Mal konnte ich sie nutzen und schöpfte einen Spiegler von circa 12 kg ab, bevor dieser auch wieder das Weite im Schilf suchen konnte.

Nachdem wir den Spiegler fotografiert hatten, packten wir alles zusammen und fuhren zu meinen Eltern, um dort gemeinsam zu frühstücken. Denn wir hatten Bärenhunger und Kaffee hatten wir auch noch nicht getrunken, da ich den Kaffeekocher samt Kaffeebecher in Hamburg vergessen hatte. Das wirkte sich ganz klar auf die Laune meiner Freundin aus. Erst plagten sie abends die Mücken, dann unterbrachen die von mir zugeknallten Autotüren ihren Schlaf und dann gibt es noch nicht einmal Kaffee! Für die nächste Nacht musste ich mir auf jeden Fall was einfallen lassen um sie bei Laune zu halten. Denn schon in zwei Tagen wollten wir einen erneuten Versuch wagen. Aber bevor es soweit war, ging es erst mal an die Ostsee. Bei Eis, Sonnenschein und Strand konnte sie wieder mehr Sympathie für die kommende Nacht entwickeln. Glück gehabt.

Um meine Erfolgschancen weiter zu steigern, hielt ich die Plätze weiter unter Futter und fuhr jeden Tag zum See um nur einige hundert Gramm Boilies pro Spot zu füttern. Selbst spät abends nach dem Ostseebesuch scheute ich keine Mühe, denn ich wollte ja kommende Nacht wieder erfolgreich sein.

Der zweite Abend am See verlief eigentlich genau so wie der Erste. Nach dem Abendbrot ging es wieder ans Wasser, wir bauten alles schnell auf, Ruten rein und fertig. Nachdem die Nacht eingebrochen war, gingen wir schlafen und wurden dieses Mal erst wieder in den frühen Morgenstunden durch den Bissanzeiger geweckt. Also schnell ins Boot und ab zum Fisch. Nach wenigen Minuten war der Spiegelkarpfen von ungefähr 13 Kilo im Netz. Wie gut, dass ich immer alles an Bord habe. Ich schärfte noch an Ort und Stelle den Haken und köderte noch schnell frische Boilies an. Dann ging es wieder zurück zum Platz, um den Fang mit der Kamera festzuhalten.

Der Fisch entpuppte sich beim Fotografieren als sehr lebendig und somit benötigte ich einige Versuche, bis ich ihn vernünftig halten konnte. Er hätte sich doch lieber mehr im Wasser verausgaben können, dann wäre der Drill bestimmt etwas spannender gewesen. Als er sich endlich vernünftig in die Kamera halten ließ, ertönte der gleiche Bissanzeiger erneut. Vollrun!!! Biiieeeb!!! Der Bissanzeiger kreischte und ich ließ vor Schreck den Karpfen ins Wasser plumpsen. „Na egal, ein-zwei Bilder werden schon im Kasten sein“ dachte ich mir, nahm die Rute auf und fuhr mit dem Boot Richtung Fisch. Die Schnur führte wieder ins Schilf. Aber glücklicherweise entschied sich dieser Fisch schon nach wenigen Metern den Kurs Richtung Freiwasser zu ändern und so hatte ich wieder direkten Kontakt zu ihm. An den kraftvollen Fluchten merkte ich sofort, dass ich es mit einem Besseren zu tun hatte. Der Karpfen suchte immer wieder die Tiefe und zog dabei einige Meter von der Spule.

Doch irgendwann gewann ich aber immer mehr Schnur, bis ich ihn sicher über meinen „modifizierten“ Kescher führen konnte und ihn schließlich sicher im Netz hatte.
Freudestrahlend kehrte ich zum Platz zurück, wo meine Freundin schon neugierig auf mich wartete. Sie hatte währenddessen mithilfe von einfachen Kaffeefiltern und Kaffee alles für den morgendlichen Wachmacher vorbereitet. Doch zuerst musste ich wissen, wie viel der Fisch auf die Waage bringt. Bei genau 20,1 Kilo blieb der Zeiger stehen. Nach so einem Spiegler schmeckte der Kaffee gleich doppelt so gut. Anschließend ging es wieder zum Frühstücken nach Hause und der Tag wurde anderweitig verbracht.

Noch am gleichen Abend wollten wir unsere letzte Nacht am Wasser verbringen. So langsam hatten wir uns echt gut eingespielt und waren super schnell mit allem fertig. Auch diese Nacht verging viel zu schnell und leider ohne Aktivitäten. Aber dennoch war ich nicht enttäuscht, denn ich hatte ja am Morgen zuvor einen top Spiegler gefangen. Das morgendliche Ritual Kaffeetrinken am Wasser wiederholte sich erneut. Der warme Kaffeebecher in der Hand mit Blick auf die riesige, spiegelglatte Wasserfläche … traumhaft. Auf einmal … Piep Piep Piiiieeep…. Vollrun! Ich konnte es erst nicht fassen, das doch noch einer ablief. Aber instinktiv trugen mich meine Beine Richtung Ruten. Der Bissanzeiger war stumm, trotzdem nahm ich die Rute auf und fuhr Richtung Spot. Am anderen Ende tat sich überhaupt nichts. War der Fisch etwa wieder ab? Ich fuhr der Schnur hinterher, war schon fast beim Spot angekommen und spürte noch immer keine Gegenwehr. Die Schnur verlief wieder mal in das Schilf hinein und ich verlagsamte deshalb die Fahrt. Im lichten Schilf konnte ich einen Schatten ausmachen und noch bevor ich es eindeutig identifizieren konnte, explodierte das Wasser und der Karpfen nahm erst mal ordentlich Schnur von der Rolle. Zum Glück flüchtete auch er Richtung Freiwasser. Nachdem ich die Schnur aus dem Schilf befreit hatte, setze ich die Verfolgung fort. Der Fisch stand wie ein Stein im tiefen Wasser und zog seine Bahnen. Meine Rute war bis zum Halbkreis gebogen und auf jeden gewonnene Meter auf der Spule antwortete der Karpfen mit doppelt so langen Fluchten. Der Drill zog sich in die Länge und ich spürte schon meinen Oberarm. Nach einer gefühlten Ewigkeit und zittrigen Beinen ließ sich der dicke Spiegler nur kurz an der Wasseroberfläche blicken, um dann wieder abzutauchen und meinen rechten Unterarm nach unten zu reißen. Die Spule rotierte und die Bremse ratterte. Wahnsinn, was für ein Drill! Doch nach zwei, drei weiteren Fluchten wurde der Spiegler müde, sodass ich ihn sicher landen konnte. Wie geil, noch so ein dickes Ding! Mit einem breiten Grinsen ging es zurück an Land. Gespannt schauten wir beide auf die Waage.

Bei 21,8 Kilo blieb der Zeiger der Waage stehen und wir freuten uns riesig. Was für ein toller Abschluss dieser drei letzten Nächte! Rückblickend betrachtet sind wir froh, unsere Zeit am Wasser so effektiv genutzt zu haben und freuen uns jetzt schon das nächste Mal wieder im Auto am Ufer übernachten zu können.

Martin



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