Die Köderherstellung ist ein Fachgebiet, kein Hobby Teil 1 – Der Hintergrund

Zuallererst, um reinen Wein einzuschenken möchte ich erwähnen, dass auch ich vor einigen Jahren nicht anders darüber gedacht habe, wie die Mehrheit der Angler. Ich dachte, wenn ich mir mehrere hundert Seiten im Internet durchlese, genug Zeit in die Beschaffung der Zutaten investiere und keine Kosten scheue, werde ich diese Frage lösen können. Ich habe fest daran geglaubt, dass der Wert eines Fisches, der mit einem handgefertigten Boilie gefangen wird, viel größer ist. Doch dann änderte sich die Situation und ich habe davon abgelassen. Ich tat dies, obwohl ich zu den wenigen gehöre, die bereits vor zwanzig Jahren mit handgefertigten Boilies große Fische fangen konnten.
Ich habe Hub Genders bereits gekannt, doch wir arbeiteten noch nicht zusammen, als ich diese Änderung vornahm. Ich tat dies nicht aus geschäftlichen Gründen. Mich brachte eher ein elementarer Antrieb dazu: Ich wollte mehr Fische fangen.

Testet denn der Testangler?

Mit wenigen Ausnahmen gründen sich die Köderherstellungsfirmen so, dass jemand nach dem Erfolg eines Testanglers oder eines einsamen Wolfes hochmotiviert ist, eine Fabrik einrichtet und schon werden die Kugeln unter seinem eigenen Markennamen hergestellt. Das passiert häufig nach einem einzigen Angelerfolg an nur einem See. Dabei ist die Köderherstellung viel tiefgründiger, eine sehr komplexe Wissenschaft und benötigt eine ganz andere Einstellung und Persönlichkeit.
Vor nicht allzu langer Zeit hat der Hauptredakteur eines deutschen Karpfenmagazins ein Interview mit Hub geführt. In diesem Gespräch hat Hub ausgedrückt, dass er die Bezeichnung „Testangler” nicht gern hat; bei Keen Carp nennen wir unsere Mitarbeiter Teammitglieder. Seiner Meinung nach hat das Testen rein gar nichts mit Angeln zu tun.
Ein gut ausgebildeter Angler mit viel Erfahrung kann keine relevanten Informationen über einen neuen Köder geben. Aus einem einfachen Grund: Ein routinierter Angler ist einfach nicht in der Lage, keine Fische zu fangen, denn alles in ihm ist auf den Erfolg ausgerichtet. Wenn es sein muss, wechselt er den Köder jede halbe Stunde aus, wenn er ein anderes Gefühl hat, frischt er den Köder zwei Tage lang nicht auf und wenn es sein muss, bricht er bei strömendem Regen sein Lager ab und zieht auf die anderes Seite des Sees um. Er tickt ganz anders.

Wenn wir allerdings wichtige Informationen über die Wirkung eines neuen Köders bekommen möchten, müssen wir unsere Fangergebnisse der Weiterentwicklung opfern. Man darf nach einigen erfolgreichen Touren noch keine weitreichende Schlussfolgerung über die "Fangattraktivität" eines Köders ziehen.

Der Karpfen als Labor

Viele denken an den Karpfen als Fütterungstier und versuchen ihn dementsprechend zu ernähren. Dabei ist der Karpfen wie ein chemisches Labor. Er ist hundertmal so sensibel und komplex, als wir denken würden.
Er mag nicht speziell das Lebermehl, Belacham oder Robin Red. Ja, sogar das Erdbeer- und Makrelen Aroma nicht. Er interpretiert chemische Verbindungen und entscheidet, für das menschliche Gehirn im Blitztempo darüber, ob der vor ihm schwimmende Köder unter der gegebenen Umständen Nahrung für ihn ist, oder nicht.

Was noch viel wichtiger ist, dass er den Köder hierzu noch nicht einmal "aufsaugen" muss, es reicht wenn es in seiner Nähe daher schwimmt. Sein Körper, sein Bart und seine Kiemen sind voll mit Geschmacksrezeptoren. An seinem Bart befinden sich z.B. 360-mal so viele Rezeptoren pro mm², wie bei uns Menschen auf der Zunge. Ich vertiefe mich jetzt gar nicht erst in die Analyse des Unterschieds zwischen dem Geruchssinn an der Luft und im Wasser.

Köpfe in der Tüte

Lassen sie mich ein bisschen zynisch werden und ich entschuldige mich jetzt schon, doch ich muss es niederschreiben: Mir fallen hier immer wieder die Angler ein, die tief in die Boilietüte schnuppern und dann gerne darüber entscheiden, ob dieser Köder bei den Karpfen gut ankommt, oder nicht.

Aus dieser Hinsicht muss der Köder nur einem Punkt entsprechen: Er muss gut Angler fangen können.

Selbsternannte Fachmänner

Die Situation ist bei den "bewussteren" Anglern ähnlich, die ihren eigenen Mix zusammenmischen. Ihre Sinnesorgane analysieren die Zutaten und sie versuchen ihren eigenen Vorlieben entsprechend immer bessere Köder herzustellen.

Ein gutes Beispiel für ihre "Kenntnisse" ist, wenn sie die konzentrierten Extrakte probieren und mir dann mit selbstgefälligem Gesichtsausdruck mitteilen, dass sie bitter sind. Ich schaue nur unverständlich drein und versuche gelassen zu bleiben. Man muss wissen, dass dies eine natürliche Eigenschaft der Konzentrate ist, denn man braucht davon nur 3-5 ml/kg Mix, wozu man noch ca. 40% Eier hinzugibt. So wird das Aroma auf mehr als das 400-fache verdünnt. Und sie probieren auch noch davon...
Ein einfaches Beispiel: Wer kostet Zuhause den Essig oder den Zitronensaft? Und das ist nur einer von vielen Grundsätzen und viele scheitern bereits hier..

Preis oder Erfolg

Meine Nachforschungen könnte ich fast schon als eine internationale Studie bezeichnen, denn ich habe diese Frage bereits in mehreren Ländern den Anglern auf Messen gestellt. Ich führte unser Gespräch immer so, dass ich eine Antwort auf die Frage bekomme, warum sie ihre eigenen Boilies herstellen. Ich war über die Antworten überrascht, denn ich war der Überzeugung, dass der Hauptgrund in der Preissenkung ihrer Köder liegt. Das war jedoch bei den meisten nicht ausschlaggebend.
Man kann die Antwortgeber in zwei Hauptgruppen teilen:

Zu der einen Gruppe gehören diejenigen, die das Problem der kleinen und der Weißfische nicht richtig lösen können und fälschlicherweise denken, dass sie so viel füttern müsse, bis die kleineren, gierigen Fische satt sind und dann bleibt auch etwas für die großen übrig. Von Sparsamkeit kann also auch hier keine Rede sein, denn sie verwenden mehr als 500 kg Boilies pro Jahr. Es ist wahr, dass sie die Qualität gegen Quantität eingetauscht haben, doch das ist eine andere Geschichte.

Wenn ich ihnen sage, dass sie in vielen Fällen das Füttern von täglich 20 kg Boilies zu maximal einem halben kg Vorfütterung eintauschen sollten, fliehen sie buchstäblich vor mir, damit ich sie nicht mit meinem Problem anstecke.

Die andere Gruppe traut den Köderherstellern einfach nicht mehr. Sie möchten sichergehen, dass alles was sie für wichtig halten, auch in den Boilie hineinkommt. Wenn ich sie dann frage, was sie weshalb hineintun, können sie natürlich nicht antworten oder nur eine "zusammengewürfelte" Antwort geben. Die von ihnen hergestellten Boilies gehen meistens über den Preis von 15-20 Euro hinaus und auch sie verfüttern zumeist nicht wenig.

Auf der Messe im nächsten Jahr kommt dann die Frage: Wir haben letztes Jahr viel an dich gedacht, wie war das noch? Und wenn ich dann nicht anfange davon zu sprechen, dass sie die von uns hergestellten Sachen kaufen sollen, fangen sie langsam an einzusehen, dass sie mit diesem Hobby aufhören müssen. Es ist nicht einfach diese Entscheidung zu treffen, denn hierfür müssen sie mir zu 100% vertrauen und das ist heutzutage nicht mehr sehr gängig. Für mich bedeutet das jedoch den Erfolg.

Um die Studie zusammenzufassen, der Preis hat bei keiner Gruppe die Hauptrolle gespielt. Beide Gruppen sind motiviert, möchten mehr für den Erfolg tun und den Schlüssel dazu sehen sie in der Herstellung eigener Köder. Sie haben jedoch schnell eingesehen, dass sie das hierfür nötige Wissen nicht besitzen.

Kostenlos zu erwerbendes Wissen

Die Mehrheit der Köderhersteller setzt sich, nachdem sie sich diese Idee in den Kopf gesetzt haben, sofort an den PC und fängt an nach folgenden Begriffen zu suchen. Karpfen, Appetiterreger, Eiweiß, Aminosäuren…Er wird nicht viele Treffer finden, oder nur solche, die sich die Angler gegenseitig aus dem Munde klauen.
Danach folgen die Appetit-Stimulatoren, Carp, amino acid profile. Das erhöht die Trefferquote und das Chaos beginnt. Ich weiß das, weil ich das auch selbst so gemacht habe und wenn ich mich mit jemanden über ein Thema unterhalte, bekomme ich zu 99% die Antwort, die in den ersten 50-100 Google oder Yahoo Treffern für jeden zu finden ist, als unbestreitbare Tatsache.

Wie viel ist es wert?

Schauen wir uns mal den Hintergrund dieser für jeden erreichbaren Publikationen an und vergleichen wir das mit der Entstehung wahrer wissenschaftlicher Ergebnisse.

Seien wir nicht naiv. Jede Forschung wird von irgendwem gesponsert. Wenn das eine Universität ist, steht auch ein Geldgeber im Hintergrund. Forschung kostet viel Geld, sehr sehr viel Geld. Ich stelle wiederholt eine meiner Lieblingsfragen:
Veröffentlichen Sie ein wissenschaftliches Ergebnis, das Sie selbst mit vielen Hunderttausend oder sogar Millionen finanziert haben und das ihre Marktlage verbessert oder verstärkt? Ironisch, nicht?

Forschungsergebnis und Schlussfolgerung

Wenn jemand nichtsdestotrotz Zugang zu einem Forschungsergebnis hat, muss man das auch evaluieren können. Die Evaluierung und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen sind eine viel schwierigere und komplexere Aufgabe, als die Forschung an sich. Dafür habe ich ein gutes Beispiel und auch einen Witz parat.
Ich habe einen Artikel gelesen, in dem eine Berühmtheit mit großem Namen, mit vieljähriger Erfahrung im Karpfenangeln, sich auf die Forschungsergebnisse des Professors XY beziehend, die Leser des Magazins damit beängstigte, die Karpfen würden sterben, wenn man sie mit Kohlenhydraten füttert. Und das als wissenschaftlichen Fakt dargestellt. Der arme Professor, wenn er wüsste…
Nachdem ich den Artikel gelesen habe, tat ich zwei Sachen. Nein, drei. Als erstes verlor ich die Fassung. Anschließend schaute ich nach den früheren Arbeiten des Autors und des erwähnten Professors. Der Autor hat zur gleichen Zeit mit dieser furchteinflößenden Behauptung in einem Aquarium über die großen Vorteile der Mais-Pellets gelehrt, die er zwischen seinen Fingern zerbröselte. Puff. Was ist los? Der Fisch stirbt doch nicht von Kohlenhydraten? Oder ist es ganz egal? Oder wusste er vielleicht nicht, dass Mais einen großen Anteil an Kohlenhydraten besitzt? So habe ich weiter geforscht und kam zu dem Punkt zurück, den ich bereits vorher wusste. In dieser Studie hat der Forsche darüber geschrieben, wenn wir die Tiere einseitig füttern, sagen wir nur mit Kohlenhydraten, dann sterben sie. Das Ergebnis war deshalb leicht zu finden, weil hier eine „riesen Entdeckung“ gemacht wurde. Für jeden Biologen ist das doch klar. Es war völlig überflüssig zu forschen. Das wäre bei mir auch nicht anders. Wenn man mich in ein Zimmer sperren und mich nur mit Kohlenhydraten füttern würde und ich keinerlei Eiweiß, kein Fett und keine Mineralstoffe bekommen würde, wäre ich früher oder später auch am Ende.
Darüber hinaus werden diese Experimente, um besser kontrolliert werden zu können, in 99% der Fälle nicht in der natürlichen Umwelt, sondern in einem Behälter, evtl. in einem kleinen See durchgeführt. Die natürliche Umgebung der Fische und diese künstlich geschaffene Welt haben jedoch so gut wie nichts miteinander zu tun.
Sich auf ein solches Ergebnis bei unserer Köderherstellung als Vorbereitung auf eine Angeltour auf offener See zu stützen, scheint keine besonders weise Entscheidung.
Das ist nur eins von vielen Fällen, auf die ich während meiner Laufbahn bei Keen Carp traf, doch es zeigt wie leicht man falsche Konsequenzen ziehen kann, wenn man ein „kleines” Detail außer Acht lässt. Der Schuster sollte bei seinen Leisten bleiben.
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/Im Rahmen/

Ein wenig anders darüber, wie man Schlussfolgerungen zieht
Die Kinder müssen in der Schule mit dem Wort „Wahrscheinlichkeit” Sätze bilden. Nach vielen guten Antworten meldet sich auch Moritz, der fast aus der Bank fällt, er habe eine neue Lösung. Nachdem der Lehrer ihn aufruft, sagt er:
- Mein Bruder geht mit einer Zeitung unterm Arm nach hinten in den Hof.
- Wo ist hier die Wahrscheinlichkeit Moritz? fragt der Lehrer.
- Wahrscheinlich geht er sch…, denn lesen kann er nicht.
Auch das ist eine Schlussfolgerung, die sehr wahrscheinlich und glaubwürdig ist.
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Ich habe jetzt das Gefühl, dass ich über den Hintergrund und die Beschwernisse dieses Themas ganze Bücher schreiben könnte, doch jetzt muss ich leider zum Schluss kommen, um bald über die Zutaten und Herstellungstechnologien und die dabei möglichen Fehlerquellen zu sprechen.

Was sollen wir nun tun?

Merken sie sich diese Zeilen gut, wenn sie ein erfolgreicher Angler werden wollen.
Ohne einen guten Köder angeln zu gehen ist eine Sünde, jedoch – und das lehren wir auf unseren Workshops – steht der Köder erst an vierter Stelle auf der Erfolgsliste.
Wenn ich sage, dass die Teilnehmer dies aus dem Munde eines Köderherstellers nur mit ziemlicher Bestürzung aufnehmen können, übertreibe ich nicht.
Also, fokussieren Sie sich auf Ihre persönliche Entwicklung im Angeln und überlassen sie die Köderherstellung den Fachleuten. Ich kann mit Stolz behaupten, dass diejenigen die uns vertrauten, die von ihren strikten, schlechten Gewohnheiten ablassen konnten und auf uns hörten, fast ausnahmslos erfolgreicher geworden sind.

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